AI strategisch denken: Nicht alles lässt sich delegieren
Im Rahmen des Führungskräftekongresses „wert ( e ) voll führen“ im österreichischen Stift Göttweig lädt Markus Schaffhauser dazu ein, Führung im Zeitalter von AI neu zu denken - mutiger, reflektierter und menschlicher. Denn: Strategisch Führen bedeutet, Verantwortung sichtbar machen. Der erfolgreichste Einsatz beginnt deshalb nicht mit dem Use Case, sondern mit Haltung. Gemeinsam können wir Technologie bewusst einbetten. Nicht nur implementieren auch organisatorisch und kulturell wirksam gestalten. Die entscheidende Frage lautet nicht, was AI kann – sondern wie wir führen und entscheiden, wenn sie es tut.
Wir sind bereits mitten in einer neuen Phase der künstlichen Intelligenz angekommen
„Mit Agentic AI (agentischer KI) werden nicht mehr einzelne Aufgaben unterstützt, sondern ganze Systeme durch eine Vielzahl von Agenten übernommen – sie analysieren Systeme, treffen Entscheidungen und stoßen Folgekationen an.“
Was bedeutet das für Verantwortlichkeiten und wie lässt sich das in Organisationen regeln?
Bei der Einführung von AI-Systemen gibt es eine Reihe von Fallstricken. Etwa eine Reihe von technischen Fragen: Wo liegen die Kronjuwelen der Organisation und wie ist sichergestellt, dass durch den Einsatz von KI ein Mehrwert und kein Risiko entsteht. Diese technischen Fragen lassen sich mit Begleitung gut lösen. Wenn man weiß, worauf es zu achten gilt, wird das Problem zum bewältigbaren Task. Rechtliche und regulatorische Rahmen, sind ähnlich. Auch hier gibt es teils aufwendige Problemstellungen – diese lassen sich zwar leider nur bedingt lösen, aber das ist ein anderes Thema. Als Führungskraft können Sie bei diesen Themen aber die Expertinnen und Experten Ihrer Organisation zu Rate ziehen und einen Weg erarbeiten lassen.
Automatisierung auf der obersten Ebene
Schwieriger wird es mit einer Vielzahl an neuen Fragen die Sie nur bedingt delegieren können. Das sind Fragen, die Sie für sich und wir als Gesellschaft als Ganzes neu definieren müssen. Was bedeutet Leadership und Management in einer Zeit, in der Algorithmen entscheiden und wo erstmals die bislang höchstqualifizierten Tätigkeiten drohen, automatisiert zu werden?
AI verändert nämlich nicht nur die Prozesse und Tools, sondern auch das Verständnis von Verantwortung, Urteilskraft und Führung. Es entsteht ein neues Spannungsfeld um die Bereiche Effizienz, Objektivität und Verantwortung.
Wie gehen die Führungskräfte von heute und morgen damit um, wenn die AI-Tools Mittel zur Effizienzsteigerung zeigen, die wir als soziale Wesen aber nicht präferieren und wie gehen wir mit hinterlegten Annahmen und Gewichtungen um.
Vor kurzem habe ich genau zu diesen Themen einen Workshop mit erfahrenen Führungskräften durchgeführt. Die Diskussionen haben ganz genau gezeigt, wo die großen Fragezeichen liegen werden. Wie legitim wird es, der KI zu widersprechen, wer trägt die Verantwortung über automatisierte Managemententscheidungen und welche Entscheidungen müssen bewusst menschlich bleiben? In diesen Fragen gab es in der Diskussion durchaus geteilte Meinungen.
Es braucht den Human in the loop
Aber klar ist auch, in unserem Wertegerüst braucht es den Menschen im Loop! Und uns muss klar sein, Algorithmen sind nicht wertfrei, das bedeutet wir müssen uns bei vielen Entscheidungen kritisch die Frage nach der Verantwortlichkeit stellen. Besonders deutlich wird dies bei personalbezogenen Entscheidungen. KI-gestützte Systeme können Leistungsmuster analysieren, Potenziale sichtbar machen oder Risiken früh erkennen. Welche Bedeutung haben Vertrauen oder kulturelle Wirkung unter diesen Vorzeichen und was ist das einer Organisation tatsächlich auch Wert.
Diese Frage kann Ihnen selbst der beste IT-Dienstleister nicht abnehmen, hier zeigt sich aber der Kern von Leadership: Verantwortung übernehmen, Entscheidungen zu treffen, zu klären und für die Konsequenzen einzustehen. Natürlich geht es zudem um die Frage, in welcher Umgebung Innovationen entstehen – wenn Optimierung zum Maßstab wird, steigt natürlich die Performance, langfristig drohen aber Vielfalt und Kreativität verloren zu gehen. Innovation braucht ein Umfeld und unterschiedliche Einflüsse: Hier zählen auch Intuition, Empathie und Widerspruch. Das ist für eine AI teilweise nicht erfassbar. Es geht damit nicht um Normierung, sondern um Tools als Enabler.
Der Killswitch: Warum AI bewusste Grenzen braucht
Mit dem Aufkommen von Agentic AI, also Systemen, die eigenständig Ziele verfolgen und Entscheidungen vorbereiten oder treffen, wird eine weitere Frage zentral: Wo liegt der Killswitch? Wann müssen Führungskräfte eingreifen, Systeme stoppen oder Entscheidungen zurückholen?
Diese Frage ist ebenfalls von strategischer Natur. Sie zwingt Organisationen, sich klar zu positionieren:
- Welche Entscheidungen sind niemals delegierbar?
- Wo endet rationale Optimierung?
- Welche Verantwortung bleibt unteilbar menschlich?
Organisationen, die diese Fragen frühzeitig diskutieren, sichern sich langfristig Handlungsfähigkeit.
Veröffentlicht am 02.06.2026
Markus Schaffhauser
Co-Head Siemens First Account & Head of Private Sales Germany (act.)
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